Zukunft Zuckerrübe

Forum Zukunft Zuckerrübe 2017

Fakten statt „gefühlte Realität“: Nur wissensbasierte Entscheidungsprozesse führen zum Erfolg!

Am 28. Juni 2017 hatte der Verband zum mittlerweile dritten Forum „Zukunft Zuckerrübe“ eingeladen, und erneut waren zahlreiche Gäste aus Landwirtschaft, Industrie und Politik der Einladung gefolgt. Im zweiten Jahr bewährte sich dabei wieder das Angebot, die Veranstaltung als Weiterbildung für die Pflanzenschutz-Sachkunde zu nutzen. Erstmals wurde das Forum in diesem Jahr auch von mehreren Ausstellern und einer MultiMedia-Broschüre begleitet.

Greening und Zuckerrüben

Hauptakteure der Veranstaltung waren die jungen Forscherinnen und Forscher, die im Projekt „Zukunft Zuckerrübe“ in den letzten fünf Jahren ihre Doktor-, Master- oder Bachelorarbeit verfasst haben. Sie stellten in kurzen Referaten ihre jeweiligen Themenschwerpunkte und Forschungsergebnisse vor. Den Anfang machte dabei Marie-Christin Mayer. Sie zeigte auf, wie Greening in Zuckerrübenfruchtfolgen funktionieren kann, aber auch wo die Grenzen liegen. Ihr Fazit lautete: „Rübe und Zwischenfrucht – Das geht!“, sofern die Auswahl der Zwischenfruchtkomponenten an die Fruchtfolge angepasst erfolgt und die spezifischen Standort und Witterungsbedingungen berücksichtigt werden.

Klimawandel bietet Chancen

„Hat uns die Witterung im Griff?“, und haben wir durch den Klimawandel mehr extreme Wetterlagen und Schädlinge zu erwarten? Diesen Fragestellungen gingen Dr. Pascal Kremer, Ina Hanisch und Jonas Fischer in ihrem gemeinsamen Themenblock nach. Kremer konnte zeigen, dass der Klimawandel für die Zuckerrübe die Chance einer verlängerten Vegetationszeit bietet, was das Ertragspotenzial erhöht. Hanisch stellte gleichzeitig eine Abnahme der Spätfrostereignisse fest, sodass diesbezüglich mit einer früheren Aussaat also kein erhöhtes Risiko für die Zuckerrübe verbunden ist. Schädlinge und Krankheiten werden allerdings wahrscheinlich vom Klimawandel profitieren. Fischer zeigte auf, dass sich aufgrund der höheren Temperaturen schon jetzt vier Nematoden-Generationen pro Jahr entwickeln können und für die Zukunft die mögliche Vollendung eines fünften Lebenszyklus` projiziert wird. Auch bei den bedeutendsten Zuckerrüben-Blattkrankheiten ist ein höherer Befallsdruck zu erwarten. Insgesamt kamen die drei Referenten in ihren Ausführungen jedoch zu dem Ergebnis, dass die Zuckerrübe voraussichtlich zu den Gewinnern des Klimawandels zählen wird, sofern die sich durch den Klimawandel bietenden Chancen voll ausgenutzt und den Risiken mit konsequenter Beratung sowie der Erforschung der noch offenen Fragestellungen entgegengearbeitet werden.

Nematodenanalyse als Grundlage für richtige Sortenentscheidung

Stephanie Kehm und Mareike Schwind beschäftigten sich im Anschluss mit der Fragestellung, wie ein Nematodenbefall im Labor sicher festgestellt werden kann. Im Projekt „Zukunft Zuckerrübe“ werden die neuen nematodentoleranten Zuckerrübensorten fortlaufend auf ihre Vermehrungseigenschaften hin untersucht. Schwind machte deutlich, dass die Wahl der richtigen Sorte, die durch eine niedrige Vermehrungsrate den Nematodenbefall über die Fruchtfolge reduziert, essentiell für die Nachhaltigkeit des Zuckerrübenanbaus ist.

Mit toleranten Sorten zum Erfolg

Marie Reuther zeigte anschließend eindrucksvoll die sortenspezifischen Unterschiede hinsichtlich der Nematodenentwicklung auf. So konnte sie u.a. zeigen, dass die Wurzeln toleranter Sorten bei Nematodenbefall weniger stark verkürzt werden, was eine tiefere Durchwurzelung ermöglicht als bei anfälligen Sorten. Die toleranten Sorten konnten somit als „schlechterer Wirt“ für Nematoden charakterisiert werden, wobei hier ein noch unbekannter Resistenzmechanismus zugrunde liegt. Reuther wies jedoch darauf hin, dass die Wirtseignung im Zuge der Sortenzulassung nicht untersucht wird und daher ein entsprechendes Risikomanagement nötig ist. Im Projekt „Zukunft Zuckerrübe“ sollen auch weiterhin die Grundlagen dafür erarbeitet werden.

Blühstreifen als Botschafter eines nachhaltigen Zuckerrübenanbaus

Wie man die drei Bausteine der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und Soziales – in Einklang bringen kann, demonstrierte Dorian Depué in seinem Referat beispielhaft an Blühstreifen, wie sie seit einigen Jahren durch Südzucker gefördert werden. Depué zeigte auf, dass Zucker aus Zuckerrüben in Hessen-Pfalz besonders nachhaltig erzeugt wird, hinsichtlich der Biodiversität aber noch Verbesserungspotenziale bestehen. Blühstreifen stellen aus seiner Sicht hierzu einen wertvollen Baustein dar.

Neue Pflanzenschutzmittelzulassung bringt einschneidende Veränderungen

Das aktuell auch politisch intensiv diskutierte Thema „Pflanzenschutz“ war Gegenstand der übrigen Vorträge des Tages. Dr. Johann Maier vom Kuratorium für Versuchswesen und Beratung im Zuckerrübenanbau beschäftigte sich mit den möglichen Auswirkungen der geänderten Pflanzenschutzmittelzulassung auf den Anbau von Zuckerrüben. Dabei wies er auf einen aus seiner Sicht fatalen Paradigmen-Wechsel hin: Wo bisher als wissenschaftliches Grundprinzip für eine Wirkstoff-Zulassung die Gleichung „Risiko = Gefahr x Eintrittswahrscheinlichkeit“ galt, soll künftig alleine das Gefährdungspotenzial eines Wirkstoffes in konzentrierter Form schon zu dessen Ausschluss führen. Sind für einen Stoff gefahrenbedingte Ausschlusskriterien („Cut-Off-Kriterien“) erfüllt, spielt demnach die in der Praxis anzuwendende Dosis keine Rolle mehr. Eine Risikobewertung findet nicht mehr statt.

Dramatische Verknappung der Wirkstoff-Palette

Auf die Palette der Pflanzenschutzmittel hätte die neue Zulassungsverordnung dramatische Auswirkungen, wie Maier aufzeigte. Es drohen der Wegfall zahlreicher Wirkstoffe und damit hohe Ertragseinbußen und verschärfte Resistenzentwicklungen. Die gefahrenbasierte Pflanzenschutzmittelzulassung würde zudem aufgrund unterschiedlicher Zulassungssituationen in den verschiedenen Mitgliedsländern zu großen Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der EU führen. So geht eine aktuelle Studie (Steward Redqueen, 2016) von Ertragsverlusten in Höhe von 37 % im EU-Durchschnitt aus, wobei allerdings Deutschland mit 49 % besonders stark betroffen wäre, während z.B. in Großbritannien nur Verluste in Höhe von 12 % prognostiziert werden.

Pflanzenschutzberatung für die Praxis

Grundsätzliche Informationen zur Pflanzenschutz-Sachkunde, Neuerungen im Anwenderschutz und der Vermeidung von Pflanzenschutzmittel-Einträgen in Oberflächengewässer lieferte Carsten Possmann (DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück). Axel Siekmann (ARGE Zuckerrübe Südwest) hatte in seinem Referat Schädlinge und Krankheiten und deren aktuelles Management im Fokus, bevor Juliane Schmitt (Kompetenzzentrum für praxistaugliche Prognosemodelle in Landwirtschaft und Gartenbau – ZEPP) abschließend den Nutzen sowie auch die Nutzung von Prognosemodellen und Entscheidungshilfen im Zuckerrübenanbau demonstrierte.

Politische Unterstützung

Besondere Höhepunkte der Veranstaltung waren auch die Vergabe von vier Ehrentiteln von Seiten der Stiftung Südwestdeutscher Zuckerrübenanbau  sowie das Impulsreferat des rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministers Dr. Volker Wissing. Dieser positionierte sich beim Pflanzenschutz klar an der Seite der Anbauer. Eine EU-Inspektion habe die deutsche Pflanzenschutzmittelzulassung als ineffizient entlarvt. Zulassungsentscheidungen würden „unerträglich lange hinausgezögert“ und nicht innerhalb der vorgegebenen Fristen getroffen. Wissing plädierte daher dafür, auch beim EU-Zulassungsverfahren wachsam zu bleiben und die eigenen Interessen mit Nachdruck zu vertreten. Er sprach sich klar gegen „unsachliche, emotionale Diskussionen“ aus, die den chemischen Pflanzenschutz gesellschaftlich in ein schlechtes Licht rücken.

Wissing lobte ausdrücklich den intensiven Austausch, der in Hessen-Pfalz und insbesondere im Projekt „Zukunft Zuckerrübe“ zwischen landwirtschaftlicher Praxis, der Beratung und der Wissenschaft gepflegt wird. Er zeigte sich stolz, dass das Projekt mit Landesmitteln auf den Weg gebracht und langjährig gefördert werden konnte. Die dort erarbeiteten Erkenntnisse seien wichtige Bausteine und wegweisend für die Zukunft im Zuckerrübenanbau. Daher werde sein Ministerium auch weiterhin alle Bemühungen mit Aufmerksamkeit und Einsatz, wo immer möglich, unterstützen.

Forschung muss weitergehen!

Dr. Georg Vierling von der Südzucker AG, der gemeinsam mit Verbandsgeschäftsführer Dr. Christian Lang als Moderator durch die Tagung führte, wies darauf hin, dass Unterstützung auch ganz konkret bei Forschung und Budget von Nöten ist, und bat den Minister, diese Botschaft mit auf den Weg zu nehmen.

Auch der Verbandsvorsitzende Walter Manz betonte die Notwendigkeit fortgesetzter politischer Unterstützung. Die in den letzten Jahren geübte gemeinsame „Forschung in der Praxis“ innerhalb eines Netzwerkes aus landwirtschaftlicher Praxis, Offizialberatung, Hochschulen und Privatwirtschaft habe den Zuckerrübenanbau in Hessen-Pfalz auf einen beeindruckend erfolgreichen Weg gebracht. Manz ermunterte alle Beteiligten, auf diesem Weg auch weiterhin gemeinsam voranzugehen.

Projekt Zukunft Zuckerrübe 2012-2016

Im Projekt Zukunft Zuckerrübe wurde die Forschungsarbeit des „Gemeinschaftsprojektes zur Erhaltung und Förderung eines zukunftsfähigen Zuckerrübenanbaus in Rheinland-Pfalz 2009-2012“ fortgesetzt, intensiviert und auch räumlich ausgeweitet. Die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen hatten auf Initiative des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer e.V. die Grundlage für dieses länderübergreifende und interdisziplinäre Forschungsprojekt gelegt.

Länderübergreifende Förderung und Forschung

Weitere Projektpartner neben den beiden Bundesländern waren u.a. das Kuratorium für Versuchswesen und Beratung im Zuckerrübenanbau, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinhessen-Nahe-Hunsrück und die RLP AgroScience GmbH, Neustadt. Von Seiten der Saatzuchtunternehmen stärkte die Strube GmbH & Co. KG als Partner insbesondere die Grundlagenforschung im Bereich des Projekts.

Klimawandel und Nematoden im Fokus

Grundsätzliches Ziel der Projektarbeit war es, die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte und die Nachhaltigkeit des Zuckerrübenanbaus zu stärken. Im Zentrum der Arbeiten standen die Anpassung an den Klimawandel sowie die vorbeugende Bekämpfung des derzeit bedeutendsten Rübenschädlings, des Rübennematoden. Der Teilbereich „Klimawandel“ wurde ab März 2013 federführend von Pascal Kremer bearbeitet. Mit seiner in diesem Zusammenhang entstandenen Dissertation „Die Zuckerrübe im Klimawandel“ hat Herr Kremer im November 2016 den Grad eines „Doktors der Naturwissenschaften“ erlangt. Die von Marie Reuther verfasste Dissertation zum Teilbereich „Nematoden“ befand sich zum Ende der Projektarbeiten in der Abschlussphase. Darüber hinaus wurden im Rahmen des Projektes acht, teils mit besonderen Auszeichnungen gewürdigte Bachelor- und Masterarbeiten erstellt.

Erfolgreicher Abschluss der Projektarbeiten

Das Projekt Zukunft Zuckerrübe konnte somit zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden. Präsentiert wurden die Ergebnisse noch einmal im Rahmen des Forums „Zukunft Zuckerrübe“ am 28. Juni 2017 in Worms. Gleichzeitig erfolgte eine übersichtliche Aufbereitung der Projektthemen und Ergebnisse in Form einer MultiMedia-Broschüre, die veranstaltungsbegleitend veröffentlicht wurde.

Begleitend zum Forum „Zukunft Zuckerrübe“ 2017 hat der Verband mit Unterstützung diverser Anzeigenpartner eine MultiMedia-Broschüre herausgegeben, in der die Kernthemen der Projektarbeit in einem informativen und reichhaltig bebilderten Überblick aufbereitet wurden: www.unserebroschuere.de/verbandhessischpfaelzischezuckerrueben/WebView/

Im September 2016 informierte sich Landwirtschaftsminister Dr. Volker Wissing im Wormser Verbandshaus über das Projekt „Zukunft Zuckerrübe“. Die jungen Forscherinnen und Forscher stellten dabei an verschiedenen Poster-Stationen einige Schwerpunkte der Projektarbeit vor.

Der Enthusiasmus der Projektmitarbeiter für ihr Forschungsobjekt übertrug sich auch auf den Minister, der sich alles sehr genau erläutern ließ und immer wieder auch vertiefend nachfragte. Der Minister lobte vor allem den Ansatz des Projektes, Forschung in der Praxis zu betreiben, wodurch eine direkte, erfolgreiche Umsetzung in der Fläche gewährleistet wird

Für die intensiven Nematodenforschungen im Rahmen des Projektes werden Bodenproben in verschiedenen Bodentiefen (0-30 cm, 30-60 cm) gezogen.

Im 2014 im Keller des Verbandshauses eingerichteten Labor werden die Bodenproben aufbereitet und mit Acetox behandelt, um einen Schlupfreiz auszulösen.

Der Vorteil der Acetox-Methode ist, dass nur lebenfsfähige Nematoden zum Schlupf angeregt und somit auch letztlich unter dem Mikroskop ausschließlich lebensfähige Nematoden gezählt werden. Weiterhin ist hier eine sehr genaue Zahlenangabe über die Befallsstärke möglich. Weitergehende Analysen werden im Labor des Bodengesundheitsdienstes in Rain am Lech durchgeführt.

Im Verlaufe des Projektes wurde die Nematodenanalyse nochmals weiter ausgebaut. Damit war auch eine erhöhte Zahl von Bodenproben verbunden. Um diese leisten zu können, wurde ein John Deere Gator mit einem Bodenprobenahmegerät der Firma Nietfeld ausgerüstet und im Frühjahr 2016 erstmals in der Praxis eingesetzt.

Nach Auszug einer Mietpartei wurde im Verbandshaus für das Projekt eine eigene Abteilung geschaffen, die ausschließlich für diese Arbeiten kostenlos zur Verfügung steht.

Neben dem Laborbereich im Keller, in dem die Bodenproben gekühlt auf ihre Analyse warten, sind im Erdgeschoss moderne EDV- und Mikroskopie-Arbeitsplätze entstanden.

Parallel zu den Versuchen in Süddeutschland finden auch an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn sowie im Forschungszentrum Jülich Versuche und Untersuchungen zur Populationsdynamik von Rübenzystennematoden statt:

Biotest am Institut Bonn
Topfversuch am Campus Klein-Altendorf bei Bonn
Ausgewaschene Wurzeln zwei Wochen nach Inokulation des Topfversuches (Sorte links ohne Nematoden, Sorte rechts mit Nematoden)
Scan eines Rhizotrongefäßes zur Messung von Wurzelparametern (Forschungszentrum Jülich)

Dr. Christian Lang

Mareike Schwind